Wenn Fehler passieren oder etwas schief läuft, ein schlechter Teamgeist herrscht oder die Produktivität zu wünschen übrig lässt, liegt oft ein falsches Verständnis menschlicher Verhaltensweisen vor. 

Hat sich nicht jeder von uns schon einmal darüber beklagt, dass ein Kollege seine Beitrag nicht leiste? Und hat nicht schon jeder einmal erlebt, dass alle Kräfte darauf verwandt werden, den Schuldigen zu suchen statt das Problem zu lösen?

Ist Ihnen schon einmal aufgefallen, dass wir als „Ankläger“ rasch dem Anderen persönliche Schuld zuweisen, während im umgekehrten Fall – wir als Angeklagte eher dazu neigen, den Umständen die Schuld zu geben. 

Dafür gibt es in der Psychologie sogar einen eigenen Ausdruck: „fundamentaler Attributionsfehler.

Für einen Großteil unseres Verhaltens ist nicht irgendeine angeborene Charaktereigenschaft alleine verantwortlich, sondern das System, der Kontext, in dem wir uns gerade bewegen.

Dies zeigt ein psychologisches Experiment, das Anfang der 1970er Jahre an einem US-amerikanischen theologischen Seminar mit Studierenden durchgeführt wurde. Die Probanten wurden gebeten, eine Predigt an einem entfernten Teil des Campus zu halten. Allerdings müssten sich sich beeilen, da bereits Zuhörer warteten. Auf dem Weg über das Campusgelände kamen die Probanten an einem Menschen vorbei , der laut stöhnend auf dem Boden lag und um Hilfe bat. Nun darf man ja davon ausgehen dass angehende Priester zu den mitfühlendsten Menschen überhaupt gehören, oder nicht?!

Das verblüffende Ergebnis: Nicht einmal 10% der Probanten blieben stehen und boten ihre Hilfe an.

Die Botschaft lautet: Wir alle sind Geschöpfe des uns umgebenden Systems, dem Kontext, in dem wir uns bewegen. 

Uns erstaunt immer wieder, wie engagiert Mitarbeiter im privaten Kontext es schaffen, selbst unter schwierigsten Bedingungen Lösungen und Auswege zu finden, z.B. höchst effizient einen Verein mit 500 Mitgliedern führen oder eine Familie mit sechs Kindern, eine pflegebedüftige Mutter und einen Vollzeitjob unter einen Hut zu bringen.

Umso mehr verwundert es, dass diese Fähigkeiten oftmals an der Firmenpforte hängen bleiben – zumindest wenn man den Klagen einiger Führungskräfte Glauben schenken will.

Die Erkenntnis:

Vergeuden Sie keine Zeit auf den Versuch, Ihre Mitarbeiter via gebetsmühlenartigen Appellen, Verhaltenstraining oder Coaching „umzuerziehen“. 

Richten Sie stattdessen Ihre Aufmerksamkeit auf das System und seine Strukturen, auf die Prozesse, Abläufe und Regeln in Ihrer Organisation.

Fragen Sie sich:

  • Wie stützen diese Kontexte ggf. unerwünschtes Verhalten?
  • Wie kann ich diese Kontexte so ändern, dass das gewünschte Verhalten wahrscheinlicher wird?

 „Es sind nicht immer die Spieler, die falsch sind – meist ist es das Spiel.“

Zu diesem Thema gibt es auch eine Podcast-Episode.